Warum visuelle Einfachheit
der Gebrauchstauglichkeit schaden kann

Gebrauchstauglichkeit (Usability) basiert oft auf Prinzipien, wie »Weniger ist Mehr« und »Halte es einfach«. Einfach zu sein bedeutet aber mehr als eine oberflächeliche Vereinfachung. Visuelle Komplexität auf Kosten struktureller Einfachheit reduzieren kann unter Umständen dazu führen, dass komplexe Zusammenhänge nicht mehr abbildbar sind oder unseriös wirken.

Es geht um die Balance zwischen visueller und struktureller Komplexität in der Gestaltung interaktiver Angebote. Designer versuchen oft die visuelle Komplexität von Webseiten zu reduzieren. Reduziert wird die Anzahl der Menüpunkte, die in Aufklapp-Menüs versteckt werden, Artikel werden auf mehrere Seiten aufgeteilt, verwandte Inhalte gar verschoben. Die Gründe dafür sind meist ästhetischer Natur, und dem geringen Platz auf dem Bildschirmen mobiler Endgeräte geschuldet.
Benutzer wollen angeblich nicht scrollen. Es ist natürlich wahr, dass je simpler eine Seite aussieht, um so einfacher werden Benutzer Informationen finden. Die Reduzierung der visuellen Komplexität mit dem Ziel, Dinge angenehmer für das Auge des Betrachters zu machen führt unweigerlich zu einer höheren strukturellen Komplexität. Damit wird es für den Nutzer schwieriger, die gesamte Website zu verstehen und zu navigieren. Eine Reduzierung der Anzahl der Menüpunkte macht die Hierarchie automatisch tiefer und erhöht damit die strukturelle Komplexität. Untersuchungen haben ergeben, dass Nutzer Informationen generell einfacher in flachen und breiten als in engen und tiefen Menüstrukturen finden.

Eines der irreführendsten Argumente für die Reduzierung der visuellen Komplexität ist die 7 +/− 2-Regel. Die Regel besagt, dass das menschliche Gehirn nicht mehr als sieben plus/minus zwei Dinge gleichzeitig verarbeiten kann. Gemeint ist das jedoch in Bezug auf das Langzeitgedächtnis.


Der Mensch kann natürlich assoziativ und spontan gleichzeitig weitaus mehr Dinge ins Auge fassen und abgleichen, als sieben. Das wird deutlich, wenn man zum Beispiel eine Handlung, wie das Verlassen des Hauses und das anschließende Überqueren einer Strasse, Revue passieren lässt. Worauf ist der Blick gerichtet: Menschen, Autos, Türklinke, nach rechts, nach links, das Wetter, Borsteinkante runter, Bordsteinkante rauf, Verkehrsschilder… – Da geht also noch was!

Das Verstecken wichtiger Informationen ist nicht nur lästig für die Benutzer. Es kann auch Auswirkungen auf die Umsätze in Webshops haben. Kunden kaufen weniger, wenn Listen von Produkten nur unzureichende Details zu diesen Produkten zeigen. Zu wenig Information in den Produktlisten kann dazu führen, dass nur noch 20% des möglichen Umsatzes erreicht werden.

Studien über die wahrgenommene Ladezeit zehn verschiedener Websites belegen: Wenn ein stärkerer Fokus auf die Unterstützung der Nutzer, um das zu finden nach den sie suchen, gelegt wird, werden Webseiten als schlank und schnell wahrgenommen.

Benutzer durchaus willens lange Seiten zu scrollen, wenn man ihnen deutliche Hinweise gibt, dass dies dabei hilft, das Gesuchte zu finden. Forschungsergebnisse von SURL zeigen, dass Scrollen durch einen Artikel schneller vonstatten geht als das Lesen von Artikeln, die auf mehrere Seiten aufgeteilt sind. Die Teilnehmer am Test äußerten, dass sie solche Artikel als »zu zerstückelt« empfanden und frustriert waren, wenn sie vor und zurück gehen mussten, um Informationen zu finden.

Die Gebrauchstauglichkeit ist elementarer Aspekt vieler Webprojekte. So gilt es die Wahrnehmungspotenziale der Seitenbesucher voll auszuschöpfen. Für Seitenbetreiber heist das Redaktionell und inhaltlich mit großer Exaktheit vorzugehen.

lk am 20. März 2014

 

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